Die Zeit zwischen den Jahren

Die Tage zwischen Weihnachten und dem Jahreswechsel oder noch ein paar Tage länger, fühlen sich oft anders an als der Rest des Jahres. Die Zeit scheint langsamer zu fließen. Weihnachten ist vorbei, berufliche Termine stehen in dieser Zeit oft im Hintergrund, die Welt wird etwas leiser und achtsamer. Es ist, als würde das Jahr selbst für einige Augenblicke den Atem anhalten.

Auch die Natur hält inne, die Ruhe ist deutlich spürbar. Der Winter versetzt den Wald in einen Zustand des Rückzugs. Manchmal deckt Schnee die Natur wie mit einer Decke zu. Pflanzen halten, ähnlich wie manche Tiere, eine Art Winterruhe. Sie wachsen nicht, sie leisten nichts und doch geschieht im Verborgenen Entscheidendes: Sie sammeln ihre Kräfte und Zellen regenerieren sich. Auch die Tiere ruhen, bewegen sich nur wenn nötig und sparen ihre Kräfte. Pflanzen wie Tiere achten in dieser Zeit gut auf ihren Energiehaushalt. Nichts drängt, nichts eilt.

Wie kommt es dazu?

Zwischen Weihnachten und dem Festtag der Heiligen Drei Könige (25.12.-6.1.) liegen 12 Nächte, die "aus der Zeit fallen". Da ein Mondjahr kürzer als ein Sonnenjahr dauert, wurde vor langer Zeit diese Lücke mit den 12 Raunächten gefüllt. Es ist eine mystische Übergangszeit, in der früher, aber auch heute wieder, verschiedene Bräuche zelebriert werden, die das alte Jahr abschließen und das neue Jahr vorbereiten sollen. Es ist ein Übergang, ein Raum zwischen dem, was war, und dem, was kommt.


Klarheit beim Winterspaziergang

Ein Spaziergang durch den winterlichen Wald (Berg, Feldweg, Park, ...) kann in dieser Zeit besonders wohltuend sein. Der Boden ist fest und jeder Schritt knirscht auf dem Schnee oder der gefrorenen Erde. Die Luft ist klar und kalt. Die Bäume stehen kahl und scheinbar still, doch gerade darin liegt ihre Kraft. Bei einem winterlichen Spaziergang musst du nichts tun, nichts leisten. Er erinnert dich, dass Nichtstun kein Stillstand ist, sondern Teil eines natürlichen Rhythmus. Während du gehst, darf sich der Blick weiten, Gedanken ordnen sich, Gefühle dürfen auftauchen und wieder gehen. Genauso wie der Atem, der in der Kälte sichtbar wird und sich gleich wieder auflöst. Es tut gut, einfach nur da zu sein. Ein Winterspaziergang ist eine gute Vorbereitung für die Reflexion des vergangenen und Vorbereitung es kommenden Jahres.

Zwischen Rückblick und Ausblick

Die Zeit zwischen den Jahren eignet sich gut, für ein ehrliches Wahrnehmen dessen, was dich im vergangenen Jahr begleitet hat und das Hineinfühlen, was davon dich weiter begleiten und was davon im alten Jahr zurückbleiben darf. Nimm dir Zeit, vielleicht nach deinem Winterspaziergang, mit einer Tasse Tee, sowie Stift und Papier und frage dich:

  • Was durfte in diesem Jahr zu Ende gehen und was davon darf ich nun wirklich loslassen?
  • Wann habe ich mich im letzten Jahr lebendig, verbunden oder ganz bei mir gefühlt?
  • Welche Erfahrungen haben mich innerlich wachsen lassen, auch wenn sie herausfordernd waren?
  • Was möchte ich nicht mit ins neue Jahr nehmen?
  • Welche Qualität, z. B. Ruhe, Klarheit, Vertrauen, wünsche ich mir für das kommende Jahr?

Es geht nicht darum, Antworten zu erzwingen. Lasse die Fragen wirken, so wie der Winterboden das Ruhen der Samen erlaubt, und schreibe spontan, ohne zu lange zu grübeln, auf, was dir in den Sinn kommt. Der erste Impuls ist oft der richtige.



Die Natur eilt nicht

und dennoch wird alles erreicht.

- Laozi


Ein leiser Neubeginn

Die Natur zeigt uns: Jeder Neubeginn braucht eine Phase der Stille. Erst wenn genügend Kraft gesammelt wurde, beginnt neues Wachstum. Die Zeit zwischen den Jahren ist genau dieser Raum – ruhig, still und doch voller Bedeutung. Vielleicht ist das Wertvollste, was du dir jetzt schenken kannst, genau das:

Zeit. Ruhe. Und Vertrauen in den natürlichen Rhythmus deines eigenen Lebens.



Fotos: Caroline Preiß

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Caroline Preiß | Mentaltraining & Kräuterpädagogik